Das Schicksal der Menschheit aus biologisch ökologischer Sicht!

Vor 40 Jahren verfasst von Prof. Dr. Heinrich Walter, Geobotaniker und Mitglied der Leopoldina. Prof Walter hat mit seiner Frau jeden Kontinent in teilweise noch unberührter Natur bereist. Er war Inhaber des Lehrstuhles für Botanik an der Universität Hohenheim und Autor vieler Fachbücher:
Fragen wir uns zum Schluss, wie hoch der Konsum der Menschheit bei einer Bevölkerungszahl von 3 Milliarden mit einer Biomasse von 0,2 . 109 t ist, so können wir ihn etwa gleich der gesamten landwirtschaftlichen Produktion setzen, auf die 0,7 % der primären Produktion der Biosphäre entfallen. Der Energieverbrauch wird mit 2,8 * 1018 cal angegeben, da nur ein Teil der mit der Nahrung aufgenommenen Energie ausgenutzt wird. Diese
Zahlen erscheinen nicht hoch, doch dürfte der Konsum der
Menschheit in den nächsten Jahrzehnten steil ansteigen.
Viel einschneidender und in zunehmendem Maße alarmierend
sind die Eingriffe des Menschen in das Gesamtgeschehen auf der Erde durch Zerstörung der Natur, Raubbau und Unterbindung des Stoffkreislaufes innerhalb der Biosphäre. Eine Reihe von Forschern hat sich deshalb vorgenommen, jeden öffentlichen Vortrag über ökologische, die Menschheit betreffende Fragen mit einer Betonung der Gefahren durch folgende scharf formulierte, aber eindeutige Sätze einzuleiten, die wir hier wörtlich zitieren wollen:
„In den letzten Dekaden ist es ‚klargeworden, dass die planlose Vermehrung der Weltbevölkerung über den Grenzbereich von 7,5 bis 15 Milliarden hinaus als moralisches Verbrechen anzusehen ist, dass die rücksichtslose Erhöhung des Sozialprodukts der Industrienationen ein soziales Verbrechen gegenüber der gesamten Weltbevölkerung ist, dass die Propagierung einer unbegrenzten Steigerung des Sozialprodukts von der ökologischen Systemtheorie her
gesehen als eine gefährliche politische Lüge erscheint und dass die rücksichtslose Ausbeutung unserer fossilen organischen Lagerstätten ein Verbrechen an unseren Kindern ist.“
In einer Art von wirtschaftlichem Wachstumswahnsinn, gleich-
gültig, ob auf kapitalistischer oder sozialistischer (staatskapitalistischer) Grundlage, setzt sich der Mensch bedenkenlos und in einem zunehmend fast explosionsartigen Tempo der Industrieausweitung über die ökologischen Voraussetzungen seiner Existenz auf der Erde hinweg. Dabei ist die Umweltverschmutzung, die man bei entsprechendem Kapitalaufwand in Schranken zu halten vermag, nicht einmal die größte Gefahr. Viel schwerwiegender ist die irreversible Zerstörung des Stoffkreislaufs innerhalb der Biosphäre. Die landwirtschaftliche Produkte importierenden Industriestaaten entziehen damit gleichzeitig den Böden in den Erzeugerländern wichtige Nährstoffelemente und häufen sie in ihrem Bereiche in Abwässern und Müll an, ohne dass ein Rückfluss dieser Elemente erfolgt (Seite 12).
Es ist eine irrige Annahme, dass es sich beim Umweltproblem um wirtschaftlich-ökonomische Fragen handelt, die auf technischem Wege zu lösen sind. Vielmehr ist es ein biologisch-ökologisches Problem (GIGON 1974).
Die stabilen natürlichen Ökosysteme ohne Biomasse-Zuwachs, mit denen wir uns beschäftigen, boten dem Urmenschen nur Raum im Rahmen eines omnivoren Konsumenten, dessen Zahl durch Kreisläufe mit Rückkoppelung bestimmt wird. Die ungeheure Vermehrung des Menschen war nur durch teilweise Ausschaltung dieser
Kreisläufe möglich. Geblieben ist die Begrenzung durch die Nahrungsmenge. Um diese auf einem hohen Niveau zu halten, muß der Mensch den Biomasse-Zuwachs oder Ertrag mit einfachen Systemen fördern. Je technisierter die Systeme sind, desto einfacher und damit einseitig ertragreicher können sie sein. Um so geringer ist jedoch ihre Stabilität, was den Einsatz von immer mehr Maschinen und Chemikalien nach sich zieht, und desto größer ist die Gefahr eines plötzlichen Zusammenbruchs.
Die Dritte Welt mit naturnäheren Systemen wäre viel stabiler,
wenn sie die Bevölkerungszahl auf einem adäquaten Niveau
hielte. Dem Zusammenbruch am nächsten steht die im Wohlstand lebende zivilisierte und technisierte Welt, die alle Gefahren weg diskutieren will. Die Technisierung schiebt nur den Zusammenbruch hinaus auf Kosten der noch vorhandenen Naturreserven macht ihn aber um so unvermeidlicher, je mehr sich der Mensch von der Natur entfernt, wobei vielleicht der psychische Zusammenbruch vor dem körperlichen kommen wird.
Eine dauernde Stabilität wäre nur auf einem mittleren, noch
naturnahen Niveau möglich, bei dem der Stoffkreislauf in der Biosphäre wiederhergestellt würde. Das setzt zunächst die Verhinderung einer Bevölkerungsexplosion voraus.
Auch die Entwicklungshilfe kann in einem Lande nur dann wirksam werden, wenn in diesem zunächst eine radikale Herabsetzung des Bevölkerungszuwachses erfolgt. Sonst werden alle Bemühungen, wie bisher, die Lage nicht verbessern, und die Hungersnot wird bei steigender Bevölkerungsdichte weiter zunehmen. Es bestehen für die
Menschen, die ein Teil der Natur sind, weder humanitäre oder
moralische, noch religiöse Gründe, sich unter totaler Ausplünderung Planeten Erde (GRUHL 1975) und auf Kosten aller anderen Lebewesen unbegrenzt zu vermehren.
Jede normale Entwicklung einer natürlichen Population entspricht einer S-Kurve, d. h. nach einer anfänglichen exponentiellen Zunahme unter günstigen Bedingungen machen sich bald hemmende Faktoren bemerkbar; der Anstieg der Kurve verlangsamt sich immer mehr, bis die Kurve unter gewissen Schwankungen in der
horizontalen Richtung verläuft. Damit ist bei einem Nullwachstum ein harmonisches Gleichgewicht erreicht, das unbegrenzt erhalten bleiben kann (Abb. 125). Sonst muß es zu einer Selbstvernichtung [Lemminge) oder einer gewaltsamen Austilgung wie bei der Kaninchenplage in Australien kommen.
Gerade diese zeigt, wie gefährlich ein hemmungsloses Wachstum einer Population werden kann. Das europäische Kaninchen wurde zu Jagdzwecken in Ostaustralien ausgesetzt. Die Umweltbedingungen sagten ihm in der neuen Heimat zu; Feinde waren nicht vorhanden. Der Verkauf der Kaninchenfelle war für die Farmer zunächst ein willkommener Nebenverdienst. Aber auf den weiten, fast unbesiedelten Flächen im inneren Australien nahm die Zahl der Kaninchen so rasch zu, daß sie bald durch die Weidebeanspruchung
zu einem ernsten Konkurrenten für die Schafe und schließlich zu einer Pest wurden. Um Westaustralien vor dieser Gefahr zu schützen, wurde durch den ganzen Kontinent von Norden nach Süden ein hoher, in die Erde eingelassener, kaninchensicherer Drahtzaun gezogen. Als jedoch die Kaninchenwelle auf diesen Zaun stieß und die Tiere auf der abgeweideten Fläche die frische Nahrung auf der anderen Seite des Zaunes witterten, sammelten sich solche Massen
am Zaun, daß sie sich gegenseitig tottrampelten. Es entstand ein so hoher Wall von toten Tieren, daß die nachdrängenden lebenden über den Zaun springen konnten. Erst die künstliche Infektion mit dem importierten Myxomatose-Virus vernichtete die Kaninchen bis auf wenige resistente Tiere. Diese bedeuten immer noch eine latente Gefahr.
Zu einer ähnlichen Pest wurde der ausgesetzte Rothirsch (Cervus elephas) in den Südbuchen (Notho/agus)-Wäldern auf Neuseeland. Er verhindert die Verjüngung dieser Urwälder an den steilen Gebirgshängen, wodurch die Bodenerosion gefördert wird und die Hochwassergefahr für das befarmte Land in den Tälern zunimmt. Jede Störung des ökologischen Gleichgewichts in der Natur kann verheerende Folgen nach sich ziehen. Nur der Mensch will sich diesem Naturgesetz entziehen, indem er versucht, alle hemmenden Faktoren auszuschalten. Die Folge davon ist, ein immer steilerer Anstieg der Bevölkerungszunahme wie bei einer Explosionskurve (Abb. 125). Das muss mit einer furchtbaren
Katastrophe enden, deren erste Anzeichen sich bereits bemerkbar machen, und die nur aufgehalten werden kann, wenn baldigst eine Umstellung erfolgt. Die Unruhe der jungen Generation ist nur zu berechtigt.
T. R. MALTHUS hatte bereits 1798 auf die Gefahr der Überbevölkerung hingewiesen. Das bald darauf beginnende Industriezeitalter hat ihn nur scheinbar widerlegt. Die Krise wurde nur hinausgeschoben, denn die Entwicklung der Industrie beruht auf einer Ausbeutung der Naturschätze; sie lebt von diesem begrenzten Kapital, das
immer rascher zu Ende geht. Es handelt sich um ein globales Problem, das sich nicht durch lokale Maßnahmen lösen lässt.
Der Mensch ist in seinem irdischen Dasein trotz seiner geistigen Fähigkeiten auch ein Teil der Natur und muss das berücksichtigen (ODUM 1971). Wer das nicht sehen will und an eine unbegrenzte technisch-wirtschaftliche Entwicklung glaubt, wobei er sich in seinem politischen Verhalten nur von einem Wahltermin bis zum nächsten leiten läßt, der ist entweder den Naturgesetzen gegenüber blind, oder er steht auf dem Standpunkt: „Nach uns die Sintflut.“
Das Schicksal der Menschheit aus biologisch ökologischer Sicht!

Dr. Willi Billau
Vorsitzender